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Newswatcher | 28 September, 2007 12:38
Grosses geschieht im Community-Netz. Microsoft will Hunderte von Millionen fuer einen Anteil an Facebook ausgeben - und Google plant mit den Millairden gesammelten Daten ein eigenes Supernetz. Die Riesen der IT-Branche basteln an globalen sozialen Plattformen der Zukunft. Und somit an einer voellig neuen Form von Marketing, denn darum geht es in erster Linie – den glaesernen Werbekunden. Und NIEMAND kann sich derzeit dagegen wehren…
Ein Begriff treibt Kapitalgeber und Netz-Unternehmer in den USA derzeit um - und den Wert von Unternehmen wie Facebook in schwindelnde Hoehen: social graph. Diesen sozialen Graphen muss man sich wie ein feines Netz von Linien vorstellen: Verbindungen, die den Globus umspannen. Information huscht diese Verbindungen entlang wie Aktionspotentiale die Nervenfasern. Nur dass die Knotenpunkte keine Nervenzellen sind, sondern Menschen.
Das klingt schoen, macht aber noch nicht reich. Nun aber entwickelt sich eine Idee, wie die Netzwerk-Effekte endlich auch Geld einbringen sollen: Das Marketing der Zukunft, davon traeumt im Augenblick eine globale Business-Elite, verlaeuft entlang dieser Verbindungslinien von Mensch zu Mensch.
Werbebotschaften sollen wie Funken durch das globale Menschen-Netzwerk rasen und sich an den Knoten festsetzen - weil eine Empfehlung durch einen Freund oder Bekannten tausendmal mehr wiegt als ein Fernsehspot oder eine Anzeige. Microsoft und Google setzen alles daran, dabei vorne mitzuspielen. Der Suchmaschinengigant will dieses Netz offenbar weit aufreissen - und es ausserdem um eine Art globales Second Life erweitern – und zwar quasi zwangsweise fuer alle Inetrnetuser, ob man will oder nicht.
Microsoft hat einem Bericht des Wall Street Journal zufolge 500 Millionen US-Dollar fuer fuenf Prozent von Facebook geboten - man hat den Gesamtwert der einstigen Studenten-Community somit auf zehn Milliarden Dollar angesetzt. Vermutlich ein gutes Investment, denn Facebook hat das Huschen der Funken durchs Netzwerk zum Prinzip gemacht: Jedes Mal, wenn ein Benutzer der Plattform dort irgendetwas tut, wird das all seinen Kontakten mitgeteilt.
Das gilt auch fuer die Installation neuer Anwendungen: Wenn Nutzer A in sein Facebook-Profil ein von der Firma Red Bull gesponsortes Stein-Schere-Papier-Spielchen einbaut, wird das allen anderen Nutzern in seiner Kontaktliste automatisch mitgeteilt. Facebook hat damit die Mundpropaganda automatisiert.
Addiert man die Moeglichkeit, auf Profilseiten durch neue Marktforschungs-Methoden immer gezielter zum Nutzer passende Werbung zu schalten, wird Facebook zur Marktetingplattform der Zukunft. Die Nutzer wiederum goutieren die automatischen Updates ueber den Freundeskreis durchaus - kein Netzwerk waechst derzeit so schnell wie Facebook. Im Moment liegt das Wachstum bei drei Prozent pro Woche, sagte Gruender Mark Zuckerberg vor kurzem bei einer Konferenz. Microsofts eigenes Community-Angebot Wallop kann da nicht mithalten. Es ist seit einem Jahr in der geschlossenen Erprobungsphase - Launchdatum offen.
Die globale Kartierung aller Menschen
Googles eigenes Netzwerk Orkut laeuft auch nicht so toll - ausser in Brasilien und Iran, wo Orkut allen Mitbewerbern den Rang ablaeuft. Nun hat sich der Netzgigant Fachkraefte aus der Community-Wirtschaft zusammengekauft, namentlich den ehemaligen Chefarchitekten des Blognetzwerkes SixApart, Brad Fitzpatrick. Der schrieb im August einen vielbeachteten Blogeintrag mit dem Titel Thoughts on the social graph, der sich als Prophezeiung dessen lesen laesst, was Google nun vorhat - und was Facebook moeglicherweise noch fehlt. Fitzpatrick will, dass sich alle Netzwerke fuereinander oeffnen. Er will, dass die vielen einzelnen Communitys zu einem grossen Ganzen verschmelzen, einem globalen Graphen.
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Was ich mit 'social graph' meine, schrieb Fitzpatrick, ist die globale Kartierung aller Menschen und ihrer Verbindungen untereinander. Er schlaegt ein System vor, dass die Graphen aller anderen Social Network Sites sammelt, verknuepft und in Form eines globalen aggregierten Netzwerks wiedergibt. Das solle niemandem gehoeren, sondern open source sein, offen fuer alle. Fitzpatricks alter Arbeitgeber hat genau diese Oeffnung eben zum Programm erhoben.
Fuer die Nutzer soll das den Vorteil bringen, dass sie sich nicht staendig bei neuen Netzwerken anmelden muessen - das Ueber-Netzwerk soll sie erkennen, wenn sie in einer neuen Community auftauchen und beispielsweise anbieten, ihre Freundeslisten von anderen Netzwerk-Seiten zu uebertragen.
So mancher Profil-Junkie huepft heute von MySpace zu Facebook, von StudiVZ zu Xing, um ueberall nach neuen Nachrichten, Gaestebucheintraegen oder Profilaenderungen von Freunden zu suchen. Wer ein neues Netz betritt, kann Tage damit verbringen, alle Kontakte aus dem alten Netz wiederzufinden, indem er Namen fuer Namen in ein Suchfenster tippt. Das will Fitzpatrick kuenftig ueberfluessig machen. Daten sollen aus den Netzen heraus und in andere hineinverfrachtet werden koennen. In den Tagen, nachdem die ersten Spekulationen ueber Googles Community-Plaene bekanntgeworden waren, stieg der Boersenkurs der Suchmaschine auf ein neues Allzeithoch.
Vier Silicon-Valley-Beruehmtheiten haben kuerzlich eine Bill of Rights fuer Nutzer des sozialen Webs veroeffentlicht, in der sie Dinge fordern, die Fitzpatricks Ideen ziemlich nahe kommen - und den User ins Zentrum stellen: Der soll Eigentumsreche fuer persoenliche Information wie Profildaten, Freundeslisten und Aktivitaetsprotokolle bekommen. Damit koenne er einerseits kontrollieren, wer diese Informationen einsehen kann und andererseits die Moeglichkeit bekommen, diese Information ueberall zu verwenden, wo er moechte. Also auch sein Aktivitaets-Logbuch von Facebook in seine MySpace-Seite einbinden. Die sozialen Plattformen sollen sich dem digitalen Sozialleben der Netznutzerschaft unterordnen, nicht umgekehrt.
Facebook ist derzeit zwar offen - aber eben noch nicht ganz. Jeder kann Anwendungen fuer das einstige Studentennetzwerk entwickeln, sich gewissermassen in Facebooks Social Graph einhaengen und auch Geld damit verdienen. Aus Facebook heraus dringt bislang allerdings wenig - die Moeglichkeit etwa, das eigene Aktivitaets-Protokoll zu exportieren und in die eigene Blog-Seite einzubinden, besteht nicht. Facebook kann mittlerweile per Suchmaschine durchsucht werden, ein bisschen Information dringt also auch von drinnen nach draussen. Manchem geht selbst dieser Schritt schon zu weit - und manchem nicht weit genug. Wenn Facebook zu 98 Prozent offen ist, will Google 100 Prozent erreichen, orakelte kuerzlich das Tech-Blog Techcrunch. Inzwischen uebernehmen den Job der Community-Verknuepfung andere: Etwa der eben in Betaphase gestartete Anbieter Fuser, der Netzwerk-Informationen aus MySpace und Facebook mit E-Mail-Eingaengen verknuepfen will - auf einer einzigen Seite.
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Die Tech-Freaks aus Kalifornien beginnen denn auch, Facebook-Gruender Mark Zuckerberg immer lauter zu kritisieren. Facebook drohe, seine Nutzer einzusperren und damit zu dem zu werden, was AOL in den Neunzigern war, schrieb David Recordon - uebrigens Fitzpatricks Nachfolger bei SixApart. Das AOL-Konzept des ummauerten Gartens inmitten eines freien und offenen Internets gilt als auf ganzer Linie gescheitert.
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