Ein Märchen für Erwachsene
Irgendwo in einer weit entfernten Galaxie gibt es einen Planeten, der
2joy heißt. Die Bewohner, also die Joyaner, sehen aus wie irdische
Menschen. Der Planet selbst wurde von seinen Bewohnern deshalb 2joy
genannt, weil er im gesamten Universum der Inbegriff für doppelte
Freude und Glückseligkeit ist. Die Bewohner waren überfüllt mit Glück,
ihre Gesichter strahlten. Nichts konnte sie davon abbringen, in
besonders liebevoller Art und Weise miteinander umzugehen. Joyaner sind
in ihrem Wesen voller Gefühl, Liebe und Emotionen.
2joy ist ein wunderbarer, blau schimmernder Planet - ähnlich unserer
Erde. Der entscheidende Unterschied zur Erde besteht indes darin, dass
2joy von drei Sonnen beschienen wird. Auf dem Planeten gibt es somit
keine Finsternis. Joyaner kennen ihren Planeten nur hell und warm. Tag
und Nacht gibt es ebenso wenig wie wechselnde Jahreszeiten. Und dies
ist der wichtigste Grund, warum Joyaner keine Schwankungen in ihrem
Leben kennen: Denn der größte Einfluss auf ihr gesamtes Wesen, das
Licht, ist immer konstant vorhanden.
Die Galaxie, in der der Planet 2joy kreist, ist von der Erde so weit
entfernt, dass man hier dieses Sonnensystem lange Zeit nicht entdecken
konnte.
Doch die irdischen Teleskope wurden leistungsfähiger – und eines Tages
gelang es den Menschen, selbst in die entferntesten Winkel des
Universums zu blicken. Es war schon seit Anbeginn der Menschheit deren
ureigenster Drang, Neues zu entdecken und Grenzen zu überschreiten. Und
wenn die Menschen nicht mehr weit genug schauen konnten, waren sie
immer so kreativ, Hilfsmittel zu erfinden, mit denen sie noch weiter in
die Welt blicken konnten.
Irgendwann reichte der Anblick des Sternenhimmels den Menschen nicht
mehr aus. Die Menschen wollten nicht mehr nur schauen, sie wollten ins
Weltall, um zu den Sternen zu gelangen.
Immer wieder wurden Grenzen, die vorher unüberwindlich schienen,
durchbrochen. Innerhalb eines halben Jahrhunderts kam es vom Beginn der
ersten Flugversuche zum Start eines Satelliten, der in eine
Erdumlaufbahn gebracht wurde. Kurz darauf gelang es, den ersten
Menschen in den Kosmos zu schicken. Es war eine unglaubliche Zeit:
Unter den Menschen entbrannte ein Wettstreit, wer schneller, höher und
weiter fliegen konnte. Schließlich verwirklichten die Erdbewohner einen
uralten Traum und landeten auf dem Mond. Von diesem Augenblick an
konnte kein Ziel mehr weit genug entfernt sein. Nach und nach wurden
alle Planeten unseres Sonnensystems erobert – bis zum fernen Pluto.
Die Raumschiffe wurden immer schneller. Hunderte Jahre später war es
soweit. Obwohl sie ein paar Mal kurz davor war, sich selber zu
vernichten, überlebte die Menschheit und verließ schließlich ihre
heimatliche Galaxie. Längst konnten die Raumschiffe mit
Lichtgeschwindigkeit reisen. Es war ein Aufbruch in die Ungewissheit,
der Erfolg der Expedition nicht sicher. Aber wieder konnte etwas
begonnen werden, das zuvor für völlig abwegig gehalten wurde.
Erst reiste man mit einfacher Lichtgeschwindigkeit, dann mit doppelter
und schließlich zehnfacher – hui, war das schnell! Jedwede
physikalische Geschwindigkeitsgrenze wurde überschritten.
Aber auch auf anderen Gebieten der Wissenschaft kam es zu rasanten
Entwicklungen. Der ewige Drang der Menschen nach Unsterblichkeit führte
zu unglaublichen Ergebnissen in der Gen-Forschung. Durch
Gen-Manipulation wurde es möglich, dass die Menschen bis zu 600 Jahre
alt werden konnten.
Aber diese Langlebigkeit schuf Probleme. Restriktive Geburtenkontrolle
war von nun an für die Menschheit unumgänglich. Es war nur noch wenigen
erlaubt, Kinder auf die Welt zu bringen. Doch auch dies änderte sich
irgendwann, denn die ersten bewohnbaren Planeten wurden entdeckt und
besiedelt.
In dem Drang, noch mehr zu erreichen, noch reicher, größer und
mächtiger zu werden, höher, schneller und weiter zu fliegen und in
ihrer unstillbaren Sehnsucht nach Unsterblichkeit hatten die Menschen
indes eines völlig vergessen:
Sie hatten verlernt einander zu lieben und bedingungslose
Aufmerksamkeit zu schenken. Sie hatten in ihrer rasanten
Vorwärtsentwicklung schlichtweg vergessen, dass sie doch Lebewesen
voller Gefühle sind. Es schien so, als ob alle Emotionen tief
verschüttet, aber doch noch am Leben waren. Es sah so aus, als ob es
unmöglich war, all den aufgetürmten Schutt fortzuschieben und sich zu
befreien.
Im Laufe der Zeit hatten viele Menschen eine Angst vor Gefühlen
entwickelt, weil sie so oft von anderen Menschen in ihrer eigenen Welt
verletzt worden waren. Diese Angst wurde zum größten Feind jedes
positiven Gefühles. Sie setzte sich in jedermanns Herzen fest.
Es ging schließlich nicht mehr darum, anderen eine Freude zu bereiten.
Vielmehr nahmen die Angst und der Schutz der eigenen Gefühle immer
größeren Raum ein. Viele Erdenbewohner entwickelten sich zu Wesen, die
ganz bewusst ihre wahre Identität verleugneten und verbargen. Sie
wurden zu Schauspielern, die ihr Gefühlsleben verheimlichten. Die
Menschen hatten vergessen, dass bedingungslose Liebe niemals und
niemanden verletzen kann.
Es kam letztlich soweit, dass es eine Seltenheit, ja - fast schon
peinlich wurde, jemandem ein Geschenk zu machen, einem Mitmenschen
irgendeine Freude zu machen, ohne sich dabei zumindest komisch
vorzukommen. Zuneigung und Empathie – also genau das, was das
Menschengeschlecht einst vorangebracht hatte - war kaum noch in den
Herzen anzutreffen. Dort hatte sich inzwischen polare Kälte breit
gemacht.
Man muss das alles wissen, um zu verstehen, wo der entscheidende
Unterschied zum Planeten 2joy liegt. Denn hier lagen die Dinge ganz
anders: Hier war man voller Gefühl und bedingungsloser Liebe gegenüber
allen Lebewesen. Selbstverständlich gab es auch auf 2joy hin und wieder
Konflikte unter den Bewohnern, doch durch ihre liebevolle Art und die
Fähigkeit, immer wieder aufeinander zugehen zu können, wurden
Missverständnisse schnell aus der Welt geschafft.
Dann kam schließlich der Tag, an dem es den Menschen gelang, eine
Expedition in die entfernte Galaxie des Planeten 2joy zu unternehmen.
Wie schon geschildert, waren die Joyaner ausgeglichene und zugängliche
Lebewesen. Sie grüßten einander mit einem herzlichen „Hoi, hoi!" , ein
freundliches Lächeln fiel ihnen nicht schwer. Meistens nahm man sich
zur Begrüßung gegenseitig in den Arm und drückte sich ganz fest. Jeder
Joyaner wurde durchschnittlich 12 Mal am Tag in den Arm genommen. Zu
lieben, zu lachen und neugierig durch den immerwährenden Tag zu gehen,
war für die Joyaner völlig selbstverständlich.
Was die Joyaner besonders liebten, war die Gewohnheit, einander weiche,
bunte Flaushys zu schenken. Jeder trug über der Schulter einen kleinen
Rucksack und der war gefüllt mit diesen farbenfrohen Flaushys. Jedes
Mal, wenn sich zwei Joyaner begegneten, gab der eine dem anderen solch
einen Flaushy. Das signalisierte dem jeweiligen Gegenüber, etwas
Besonderes zu sein. Das ist eben auch eine Art, einander zu sagen, dass
man sich mag. Du kannst spüren, wie warm und kuschelig es in dein
Gesicht berührt – und es ist einfach ein wunderbares Gefühl, wenn du es
zu den anderen Flaushys in den Rucksack legst. Die Joyaner fühlten sich
dadurch anerkannt und gemocht. Und wenn ein Joyaner ein Flaushy
geschenkt bekam, war es für ihn eine Selbstverständlichkeit, ein
anderes dafür zu geben.
Zu geben war auf 2joy das größte Geheimnis, warum die Bewohner des
Planeten so leben konnten, wie sie lebten. Ihr gemeinsames Leben war
von Harmonie und Frieden erfüllt. Gab es einmal Unstimmigkeiten, ging
man aufeinander zu, lächelte und schenkte einander ein Flaushy. Und war
die Welt wieder in Ordnung.
Die Menschen landeten schließlich unbemerkt auf 2joy. Aus sicherer
Distanz beobachteten die Neuankömmlinge, wie die Joyaner miteinander
umgingen, konnten sich deren Art aber nicht so richtig erklären.
Eines Tages trafen die beiden Spezies dann schließlich aufeinander. Der
erste Joyaner, den die Menschen zu Gesicht bekamen, begrüßte die
Menschen mit einem herzlichen „Hoi Hoi" und fragte mit breitem Lächeln:
„ Ist heute nicht ein schöner Tag?" Die Menschen verzogen nur das
Gesicht und gaben dem Joyaner keine Antwort. Der versuchte es anders:
„Hier, ich schenke euch ein Flaushy. Es ist ein besonders weiches und
bauschiges."
Aber die Menschen wollten das Geschenk des Joyaners nicht annehmen. Sie
antworteten ihm: „Du, hör mal - sei nicht so großzügig mit deinen
Flaushys, denn wenn du sie immer so einfach verschenkst, hast du
irgendwann selber keine mehr. Du wirst eines Tages nicht ein einziges
mehr davon haben, wenn du immer so großzügig bist!"
Erstaunt und ein wenig verunsichert schaute der Joyaner die Menschen
an. Diese hatten in der Zwischenzeit dessen Rucksack geöffnet: „Schau
mal, du hast nur noch 34 Flaushys in deinem Rucksack. Also wenn wir du
wären, würden wir nicht eines mehr verschenken."
Verwirrt kehrte der Joyaner nach Hause zurück. Er war so irritiert,
dass er gar nicht darüber nachdachte, dass alles, was er gerade gehört
hatte, keinesfalls stimmen konnte. Denn jeder Joyaner besaß einen
unerschöpflichen Vorrat an Flaushys. Schenkte er ein Flaushy, bekam er
sofort von jemand anderem eines zurück. Dies geschah immer und immer
wieder, ein Leben lang. Wie sollten einem die Flaushys da jemals
ausgehen?
Unser verunsicherter Joyaner war wirklich deprimiert und traurig; er
bekam erstmals in seinem unbeschwerten Leben Angst vor der Zukunft.
Unentwegt grübelte er vor sich hin. Es dauerte nicht lange, da kam ein
Freund vorbei, mit dem er in seinem Leben schon viele Flaushys
ausgetauscht hatte. „ Hoi hoi! Wie schön ist dieser Tag!", rief der
Freund und kramte ein Flaushy hervor. Doch unser nachdenklicher Joyaner
lehnte ab: „ Nein, nein - behalt es lieber! Wer weiß, wie schnell sonst
dein Vorrat abnimmt. Eines Tages stehst du mit leerem Rucksack da!"
Der Freund begriff überhaupt nichts, zuckte ratlos mit den Schultern,
packte das Flaushy wieder ein und ging mit leisem Gruß davon.
Aber er nahm die verwirrten und verwirrenden Gedanken mit sich - und
noch in der gleichen Woche konnte man überall hören, wie ein Joyaner
zum anderen sagte: „Es tut mir leid - aber ich habe kein Flaushy mehr
für dich. Ich muss darauf achten, dass sie mir nicht ausgehen!"
Bereits im folgenden Monat hatte sich dieser unselige Gedanke
auf dem ganzen Planeten ausgebreitet. Alle Joyaner begannen, ihre
Flaushys zu horten. Es wurden zwar hin und wieder noch Flaushys
verschenkt, doch das tat man nur nach langer und gründlicher
Überlegung. Meist waren abgenutzte Flaushys, die man sowieso hätte
wegwerfen müssen. Damit nicht genug: Die ehemals so vertrauensseligen
Joyaner wurden allmählich misstrauisch. Man begann sich argwöhnisch zu
beobachten. Ja - man dachte sogar darüber nach, ob der andere wirklich
ein Flaushy wert war. Manche fürchteten inzwischen, bestohlen zu
werden. Sie versteckten ihre Flaushys nachts unter den Betten. Es
brachen Streitigkeiten darüber aus, wer wie viele Flaushys besaß – und
ob das so korrekt sei.
Schließlich begannen die Joyaner, ihre Flaushys gegen Sachen
einzutauschen, anstatt sie wie früher einfach zu verschenken. Es gab
mittlerweile sogar eine Erhebung, in der jeder mitteilen musste, wie
viele Flaushys er im Besitz hatte. Später kam jemand auf die Idee,
unterschiedlichen Flaushys einen bestimmten Gegenwert zuzuordnen. Und
bald stritten sich die Joyaner darüber, wie viele Flaushys eine
Übernachtung oder eine Mahlzeit im Hause eines anderen wert sein konnte.
Es gab mittlerweile – wie bereits von manchem befürchtet - erste Fälle
von Flaushy-Raub. Und irgendwie fühlte man sich draußen nicht mehr
sicher, vielmehr unwohl, fast schon verängstigt. Früher gingen die
Joyaner lächelnden Gesichtes durch die Straßen, sich gegenseitig mit
einem „Hoi hoi!" grüßend – und einander bunte Flaushys schenkend. Diese
Zeit schien weit, weit zurückzuliegen... Vorbei. Vergessen.
Das Leben auf dem Planeten änderte sich. Die Gesundheit der Joyaner
litt. Viele klagten über Schmerzen in den Schultern und im Rücken. Das
kam nicht von ungefähr. Denn die Joyaner liefen inzwischen gebückt.
Viele fingen an zu glauben, dass die Ursache ihrer Rückenbeschwerden
der Rucksack mit den Flaushys sein könnte. Fortan wurde es eine
Seltenheit, jemanden mit dem (ehemals zur Grundausstattung gehörenden)
Rucksack anzutreffen. Ja – das Leben auf 2joy hatte sich verändert...
Und trotzdem: Viele der Joyaner träumten nachts von den guten alten
Zeiten, in denen es so harmonisch und unkompliziert zugegangen war. Das
neue Leben behagt nicht allen. Und sollte dieses Leben bis in alle
Ewigkeit so weitergehen? War das Unglück, das über den Planeten
gekommen war, wirklich unvermeidlich? Etwas, was die Bewohner von 2joy
bewusst heraufbeschworen und somit auch zu verantworten hatten?
Viele der Joyaner träumten nachts von den schönen alten Zeiten in denen
es so herrlich harmonisch und glücklich zuging. Sollte es bis in alle
Zeiten so weitergehen? War das Unglück, das herrschte wirklich dass,
was die Bewohner von 2joy wollten? Sollte dieses Leben bis in alle
Ewigkeit so weitergehen? Schaffen es die Joyaner wieder zu Ihrem alten
Glück zurückzukehren?
Dieses Märchen wird weiter gehen…
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